Nur Bindung kann das heilen

von | März 4, 2025

Was in Bindung verletzt wurde, kann nur in Bindung wieder heilen.

So ähnlich formuliert das Gopal Norbert Klein, ein bekannter Traumatherapeut. 

Was heißt das? 

Wir Menschen sind soziale Wesen und Bindung ist nicht nur wichtig für uns, sondern sichert unser überleben. Alleine können wir nicht überleben. 

Man hat ja in früheren Zeiten mal, in völliger Entfremdung von der Natur und der menschlichen Intuition, kleine Kinder von ihren Müttern getrennt, um zu beobachten, wie sie sich entwickeln und welche Sprache sie sprechen werden. Und leider hat man etwas ganz anderes beobachten müssen, nämlich dass die armen, kleinen, vernachlässigten Wesen einfach starben. Unfassbar. In den 1940er Jahren untersuchte ein Psychologe Kinder, die im Waisenhaus aufwuchsen, mit Kindern, die bei ihren Müttern im Gefängnis aufwuchsen und stellte fest, dass die Waisenkinder, die sehr wenig emotionale Zuwendung und Kontakt erfuhren, alle krank waren, zum Teil schwer krank, oder früh starben. 

Körperkontakt ist lebensnotwendig, selbst wenn dieser nicht nur wohlwollend und mitfühlend ist. 

Ohne Körperkontakt stirbt ein Baby. Und der Grund ist, dass das Nervensystem noch nicht vollständig entwickelt ist in seiner Funktion, sich zu regulieren und angemessen auf die verschiedensten Anforderungen des Lebens zu reagieren. Dazu braucht es einen Partner, einen Menschen, der das kann, also einen Erwachsenen. Je besser dieser Erwachsene das kann, umso besser geht es dem kleinen Kind. 

Und damit kommen wir zu dem nächsten kritischen Punkt. Wenn nämlich das kleine Kind nicht lernt, im Laufe seines Reifeprozesses zum Erwachsenen, das eigene Nervensystem so zu entwickeln, dass es voll und ganz fähig ist, sich selbst zu regulieren, dann wird der erwachsene Mensch natürlich auch diese Fähigkeit im Kontakt nicht bieten können. Und so entsteht eine Schleife von transgenerationaler Dysregulation. 

Wie kommt es dazu? Zu allererst nochmal ist wichtig zu verstehen, was Regulation bedeutet. 

Nehmen wir das Beispiel von Gefahr. Das Kind wittert Gefahr, sagen wir es spielt im Garten und beim Nachbarn am Zaun erscheint ein großer Hund und bellt sehr laut. Ein erwachsenes Nervensystem würde die Signale empfangen und entsprechend die Systeme derart aktivieren, dass eine konstruktive Handlung entsteht: z.B. Rückzug oder Verteidigung. Das unreife Nervensystem des kleinen Kindes empfängt die Signale  natürlich auch, doch es führt zur Überforderung. Es bekommt Angst, erstarrt, weint und weiß nichts zu tun, was die Bedrohungslage lösen könnte. Besonders signifikant ist hier die Tatsache, dass die Emotionen nicht verarbeitet werden können. Erst wenn ein Erwachsener oder reiferer Mensch kommt und Kontakt anbietet, kann das Kind sich beruhigen. Es gibt unzählige Beispiele dieser Art und das Leben eines kleinen Kindes ist geprägt von der  Notwendigkeit einen verlässlichen Partner zu haben. 

Zurück zu der Frage, wie es dazu kommt, dass Dysregulation weiter gegeben wird und was das eigentlich mit uns Begleitern zu tun hat. Zum Zeitpunkt der Geburt ist das Nervensystem sehr unreif. Mit jedem Tag und jeder Erfahrung auf dieser Welt lernt es dazu. Es lernt von der Mutter und anderen Bezugspersonen. Dies ist anderen Lernprozessen, die ein Kleinkind durchläuft durchaus ähnlich, dem Lernen einer Sprache z.B.: Je besser die Mutter deutsch spricht, umso leichter lernt das Kind diese Sprache. Und so ist es auch mit dem Nervensystem. 

Nur dass hier noch zwei entscheidende Punkte dazu kommen.
1. Im Zustand der Unreife nutzt das Kind das Nervensystem der Mutter, solange, bis es dies selbst kann. Die Mutter hilft dem Kind mit ihrem Körper bei der Verarbeitung der Emotionen und der Entwicklung der sinnvollen Handlung. Das Kind ist voll und ganz angedockt und total abhängig.
2. Die Entwicklung kann massiv gestört werden durch traumatisch erlebte Ereignisse. Kommt ein Konfliktschock ins Nervensystem, dann stoppt ein Teil der Entwicklung. Das, was nicht verarbeitet werden konnte in diesem Trauma, bleibt hängen, bis es irgendwann später verarbeitet werden kann. Und das kann zum Teil Jahrzehnte dauern. ich will hier nicht zu weit rein gehen. Darüber könnte man ein ganzes Buch schreiben. 

Der wesentliche Punkt ist, dass eine gute Entwicklung des Nervensystems eines Menschen maßgeblich davon abhängt, ob zum Einen eine gut regulierte Bezugsperson in guter Bindung zur Verfügung steht und ob zum Anderen dieser  sich entfaltende Mensch wenige traumatisch erlebte Konflikte erfährt.

Und hier geht es keineswegs um gut und schlecht oder um die Frage, wer schuldig ist. Jeder Mensch gibt sein Bestes und wir alle haben oder hatten Eltern, die nur mehr oder weniger reif sind oder waren. Jeder trägt Konflikte und Einschränkungen in sich.

Und jeder hat die Chance, da vieles bis alles nachzuholen. Die Frage ist: Wie?

Wenn die Bananen aus Übersee in Deutschland ankommen, sind sie grün. Wenn wir sie essen, sind sie gelb. Sie sind nachgereift, vielleicht nicht vollständig so, wie sie das an der Pflanze hängend hätten tun können, aber sie sind dennoch lecker und haben ihre Süße. 

Wir Menschen können das auch.  Wir können auch nachreifen. Dazu brauchen wir einen gut regulierten verlässlichen Partner und viele sichere Bindungserfahrungen, die es uns ermöglichen, die stagnierte innere Bewegung freizulassen. Co-Regulation nennt man das, so, wie beim Baby. 

Dies können wir in einer Art therapeutischem Setting im Gespräch erleben. Doch genügt das nicht. Viele dieser konfliktiven Erfahrungen, die wir als kleines Kind gemacht haben und die dazu führten, dass das Nervensystem sich nicht ausbilden konnte in seiner Regulationsfähigkeit, liegen in der vorsprachlichen Zeit. Und diese Zeit liegt nicht nur zwischen der Empfängnis und dem Zeitpunkt, an dem das Baby sein erstes Wort ausspricht. Bis das Kind sich wirklich gut ausdrücken kann, um z.B. ganz konkrete Hilfe einzufordern, dauert es viele Jahre. Doch der Körper sendet und verarbeitet die Informationen auch ohne Worte.

Um die Wunden zu heilen und die Reife nachzuholen, braucht es neben der Bindung zu einem empathischen Gesprächspartner auch körperliche Erfahrung. Körperliche Bindungs- und Co-Regulationserfahrung wird mehr benötigt, als alles andere, weit mehr. Im Nonverbalen kann viel mehr Information fließen, als über Worte. Hier können sich die Systeme ganz fein justieren und voneinander lernen. 

Es ist wichtig, als KörperarbeiterInnen gut reguliert zu sein und die Möglichkeit zu haben, sich als eine Art „Nervensystemlehrer“ anzubieten, völlig unabhängig davon, ob der Fokus auf Traumaarbeit liegt oder nicht.

Falls der Fokus der Begleitung auf Traumaarbeit liegt, dann ist es notwendig! 

Und deswegen steht dieser Aspekt an vorderster Stelle in meiner neuen Ausbildung. Was bringen uns all die tollen Bodyworktechniken, wenn wir selbst z.B. immer wieder im Stress sind beim Behandeln. Es hilft dem anderen nicht. Wir können nur helfen, wenn wir selbst im Parasympathikus sind, also wenn unser ventraler Vagusnerv sendet und empfängt. Der ventrale Vagus ist der Teil des autonomen Nervensystems, der soziale Interaktion reguliert, Entspannung ermöglicht und emotionale Sicherheit schafft. 

Im Seikitraining ist das fundamental, allerdings hat es lange gedauert, bis ich das erkannt habe. Mittlerweile unterrichte ich anders und fokussiere mich sehr auf das vermitteln dieser Fähigkeiten, was auch bedeutet, dass ich als Regulationspartner zur Verfügung stehen muss. Und die Ergebnisse sind beachtlich. 

Das ist ein echter Gamechanger. Hier kann Heilung entstehen und Frieden.

Wenn du mehr dazu erfahren willst, dann lass uns sprechen.

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