Trauma in der Körperarbeit begegnen
Stell dir vor, du begegnest einem Mann, der immer einen schweren Rucksack trägt. Er hat sich so sehr an das Gewicht gewöhnt, dass er es kaum noch bemerkt. Doch manchmal, wenn er sich schnell bewegen will, merkt er, dass er langsamer ist als andere. Manchmal tut ihm der Rücken weh, aber er weiß nicht, warum. Eines Tages fragt ihn jemand: „Was trägst du da eigentlich mit dir herum?“ Und der Mann ist ganz überrascht und guckt nach, was der andere damit meint. Und er entdeckt den Rucksack. War ihm vorher einfach nicht aufgefallen
So ist es mit Trauma. Wir tragen es mit uns herum, meist ohne es zu wissen. Trauma ist ja nicht nur etwas, das Kriegsveteranen oder Opfer extremer Gewalt betrifft. Es ist in nahezu jedem von uns. In den überraschenden Ausgrenzungen, die wir erlebt haben. In den Momenten, in denen wir schmerzhaft beschämt wurden. In den überfordernden Situationen, in denen wir emotional verletzt wurden. Manche Menschen tragen einen leichteren Rucksack, andere einen fast unerträglich schweren.
Und da stellt sich die Frage, wie man diesen Rucksack leichter machen oder gar ablegen kann.
Es gibt unzählige Beispiele von Menschen, die das getan haben. Und von zweien will ich dir berichten:
Da ist zum einen die Geschichte von Edith Eger, die aus ihren zutiefst traumatischen Erfahrungen heraus gewachsen ist. Sie wurde als Teenager nach Auschwitz deportiert. Dort erlebte sie unfassbare Grausamkeiten, Demütigungen und Missbrauch – unter anderem wurde sie gezwungen, vor Josef Mengele zu tanzen, nur wenige Minuten nachdem ihre Eltern in die Gaskammer geschickt worden waren. Sie überlebte den Horror von Auschwitz nur knapp und lebte später in der USA, wo sie Psychologin wurde. Jahrzehntelang war sie innerlich gefangen in der furchtbaren Vergangenheit. Doch sie hat irgendwann erkannt, dass sie die Verantwortung für ihr Leben übernehmen kann und vor allem auch muss, wenn sie Heilung finden will. Sie begann, sich mit Trauma-Therapie zu beschäftigen, lernte somatische Techniken und begriff, dass Heilung nur geschieht, wenn man sich dem stellt, was dort im Körper und der Seele gefangen ist.
„Die Vergangenheit kann nicht verändert werden, aber wir können unsere Beziehung zur Vergangenheit verändern.“ (Edith Egger)
Ihr Leben ist der Beweis: Trauma kann gewandelt werden und es kann uns transformieren.
Die zweite Geschichte handelt von einer fiktiven Person – Marie. Diese Geschichten gibt es millionenfach und sie haben hunderttausend Variationen. Jeder von uns kennt so jemanden. Und wenn wir in den Spiegel schauen, finden wir unsere eigene Variante davon:
Marie ist in einer gut situierten Familie aufgewachsen. Es fehlte ihr an nichts – zumindest äußerlich. Ihre Eltern waren ehrgeizig, beide erfolgreich im Beruf. Sie wollten nur das Beste für sie: gute Noten, Disziplin, Erfolg. Doch in ihrem Zuhause gab es wenig emotionale Wärme. Kein Lob, keine Umarmungen, keine Fragen nach ihren Gefühlen.
Stattdessen bekam sie Sätze zu hören wie:
„Gefühle bringen dich nicht weiter.“
„Reiß dich zusammen.“
„Nur die Starken kommen voran.“
Marie lernte früh, sich anzupassen. Sie lernte, brav zu sein, Erwartungen zu erfüllen und ihre eigenen Bedürfnisse zu ignorieren. Wenn sie traurig war, weinte sie heimlich. Wenn sie Angst hatte, sagte sie nichts. Und wenn sie glücklich war, hatte sie das Gefühl, es nicht zeigen zu dürfen.
Jahrzehnte später war sie eine erfolgreiche Anwältin. Nach außen wirkte alles perfekt. Doch innerlich fühlte sie sich leer. Nähe machte ihr Angst. Beziehungen fielen ihr schwer. Sie konnte nicht „abschalten“. Ihr Körper war ständig angespannt.
Als sie mit Mitte 40 in eine Krise geriet – Schlafstörungen, chronische Erschöpfung, Panikattacken – sagte ihr Arzt: „Das ist Stress.“ Und dann fing die Suche nach den Möglichkeiten, den Stress abzulegen an. Yoga, Ernährung, Urlaub, Massagen, Meditation. Und, und, und.
Und irgendwann gelingt es ihr, die Verbindungen zur Vergangenheit herzustellen: zu dieser konfliktreichen Zeit, in der sie so viel in sich unterdrücken musste. Ihr Körper trug jahrzehntelang unterdrückte Emotionen mit sich herum. Sie hatte gelernt, stark zu sein – aber nicht, sich selbst zu spüren. Diese Erkenntnis führte sie in den eigenen Körper, zu den Spannungen, den Knoten und dem Potential. Schritt für Schritt hat sie das nun angeschaut, aufgeräumt und geklärt und sich so die Freiheit zurück geholt. Jetzt kann sie wieder fühlen und Bindung wieder zulassen. Es war ein steiniger, aber wertvoller Weg.
Trauma wird oft missverstanden. Viele denken, es sei ein rein psychisches Phänomen – eine Erinnerung, die man „aufarbeiten“ muss. Doch Trauma ist körperlich. Es ist nicht nur in unseren Gedanken, sondern in unseren Muskeln, in unserem Nervensystem, in unserem Körpergedächtnis gespeichert.
„Trauma ist nicht nur etwas, woran man sich erinnert – es ist etwas, das man in sich trägt.“ (Dr. Bessel van der Kolk)
Unser Nervensystem funktioniert wie eine Art „innere Landkarte“. Erlebnisse, die als bedrohlich empfunden wurden, werden dort abgespeichert – und zwar nicht in Form von Geschichten, sondern als Körperzustände:
- Muskelverspannungen
- Herzrasen oder Atemprobleme
- Schlafstörungen oder chronische Erschöpfung
Und das fühlt sich entweder nach Stress oder nach Leere an, oder beides.
Aber dabei muss es ja nicht bleiben.
Alles, was wir erzeugen, können wir auch verändern.
Ist nur die Frage wie.
Wenn diese Phänomene sich im Körper zeigen, dann macht es auch Sinn, ihnen dort zu begegnen und nicht im Kopf.
Der Neurowissenschaftler Stephen Porges, Entwickler der Polyvagal-Theorie, erklärt, dass unser Nervensystem sich nicht durch Gedanken verändert, sondern durch sichere körperliche Erfahrungen. Mit traumasensitiver Körperarbeit kann man da also ansetzen.
Das ist das, was wir tun. Und um das zu ermöglichen ist es essentiell, diese zwei Grundregeln umzusetzen:
1. Nicht in die Geschichte gehen – Man muss das Trauma nicht erneut erfahren oder durchleben oder sich gar damit konfrontieren. Ganz im Gegenteil. Es ist nicht sinnvoll. Die Veränderung findet immer jetzt statt.
2. Den Fokus auf Körperwahrnehmung setzen – Wo sitzt die Spannung? Was fühlt sich blockiert an? Und das nicht mit dem Verstand oder der Vorstellung, sondern ganz direkt, als körperliche Erfahrung.
Innerhalb dieser Grundregeln der Betrachtung gibt es 4 wesentliche Prinzipien zu beachten, um diese Selbstbegegnung zu ermöglichen.
1. Alles darf sein – ohne Bewertung
Menschen, die Trauma erlebt haben, brauchen vor allem eines: einen Raum, in dem sie sich sicher fühlen. Das bedeutet, sie nicht zu bewerten oder in eine Richtung zu drängen. Ein offenes, nicht wertendes Gegenüber kann einen sicheren Rahmen bieten, in dem Selbstheilung stattfinden kann.
2. Zuhören mit allen Sinnen
Zuhören bedeutet nicht nur, mit den Ohren zu hören. Es bedeutet, den anderen mit allen Sinnen wahrzunehmen – mit den Augen, den Händen und vor allem mit dem eigenen Körpergefühl. Denn oft zeigt sich Trauma weniger in Worten als in Mikrogesten, Körpersprache oder unbewussten Spannungen.
3. Vertrauen entsteht durch echte Präsenz
Vertrauen zu sich ist die Basis für jeden Heilungsprozess. Dazu ist es notwendig, dass wir liebevoll, emphatisch und ohne jegliche Bedingung in Kontakt und Kommunikation gehen. Der andere muss das spüren. Man kann es nicht fälschen. Die Öffnung für das Wesen und die Lebenssituation des anderen braucht Präsenz und Authentizität.
4. Selbstwahrnehmung als Voraussetzung
Wer mit Trauma arbeitet – sei es in der Therapie oder in der Begleitung anderer – muss sich seiner eigenen Muster bewusst sein. Man muss kein Heiliger sein und man muss auch die ultimative Heilung nicht abgeschlossen haben. Das ist sowieso nicht möglich. Aber um ein guter Partner zu sein für den anderen, der sich mit einem auf die Reise macht, sich zu begegnen, ist es notwendig, selbst geerdet, zentriert und stabil zu sein.
Trauma passiert. Konflikte geschehen. Die Geschichte hat stattgefunden.
Jeder hat seine Narben, seine Verletzungen, seine Prägungen und Muster. Doch Trauma bedeutet nicht das Ende der Welt. Der Körper kann lernen, loszulassen, sich zu regulieren, Heilung zu erfahren. Der Schlüssel liegt nicht in der Analyse, sondern im Erleben.
Man muss diesen schweren Rucksack nicht für immer tragen.
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